Behalt das Leben lieb

Ein Text von Jorinde Leonhard.

 

"Beklage dich nicht über die Dunkelheit. Zünde eine Kerze an."
Konfuzius
...
Phönix Geschichte.

Irgendwann einmal waren da Menschen, die einen kleinen Hund kauften.
Niedlich, verspielt, hübsch anzuschauen oder einfach die günstige Alarmanlage für den Hof.
Genau weiß dies niemand. Denn ein Hund kann nicht für sich sprechen, wir können nur versuchen, ihn zu verstehen und das aufzuzeigen, was in seinen Augen denen verborgen bleibt, die nicht richtig hinschauen.

Wie auch immer ihr Leben seinen Lauf nahm, es vergingen einige Jahre.
Jahre, in denen sie vermutlich niemals das Grundstück verließ, auf dem sie lebte.
Denn alles, was außerhalb dessen ist, scheint sie nicht zu kennen und macht ihr Angst.
Dabei ist sie sicherlich schon an die 5 Jahre alt.
Und doch spielte man mit ihr Ball, gab ihr Spielzeuge und streichelte sie.
Denn all das kennen Straßenhunde nicht. Familienhunde schon.
Phönix liebt das Spiel mit Ball, Kuscheltier oder was auch immer sie zwischen die Zähne bekommen kann.
Und sie kuschelt. Zärtlich und vorsichtig drückt sie dabei ihr Köpfchen gegen den Menschen.
Es ist ihr vertraut.

Doch dann muss dieser eine vermeindliche Tag gekommen sein.
Der Tag, an dem ihr weiteres Schicksal seinen Lauf nahm.
Sie geriet unter die Räder eines Autos.
War sie weggelaufen? Passierte es beim Spaziergang?
Hatte man sich ihrer entledigt zuvor?
Dieser Unfall verletzte ihre Wirbelsäule und ihre Hinterläufe so schwer, dass sie fortan gelähmt ist.
Eine Zeit lang schleppte sie sich so durch die Straßen Rumäniens.
Als Tierschützer sie fanden, hatte sie sich bereits ihren einen Hinterlauf größtenteils selbst amputiert.
Sie muss versucht haben, sich des Gewichtes zu entledigen.
Am Ende ihrer Kräfte brachte man sie in eine Klinik, die sie wieder und wieder operierte.

Und man fand ihre Besitzer.
Doch diese hatten kein Interesse mehr an Phönix.
Verstoßen also, weil sie fortan anders ist, besonders.
Weil sie nicht mehr der Norm entspricht.
Weil sie mehr Arbeit macht.
Weil sie kein Mitglied der Familie ist.
Denn um diese sorgt man sich - egal, was mit ihnen geschieht.
In guten, wie in schlechten Zeiten.

Fortan lebte sie also über 3 Monate in einem Käfig in der Tierklinik.
Die Ärzte hatten natürlich keine Zeit, sich intensiv um sie zu kümmern.
Bis Claudia sie entdeckte und zusammen mit Amicii Dog Rescue versuchte, einen Pflegeplatz für sie zu finden.
Außerhalb Rumäniens.
Man packte sie kurzerhand ein und machte sich mit ihr auf die lange Reise nach Deutschland.
Aus einem geplanten Zwischenstopp, wurde ihr neuer Päppel-Platz.
Das Zuhause von Anke, wo wir wiederum zur Zeit uns zur freundschaftlichen Hundebetreuung befinden.

So begegnete ich also Phönix zum ersten Mal vor 3 Wochen.
Ich betrat die Terrasse und sah dieses klapperdürre Ding, scheinbar vollkommen ohne Hinterleib, auf einer Decke liegen.
Mein erster Gedanke war definitiv:
"Liebst Du noch Dein Leben?"
Die Vergangenheit meiner Schwester Marie Jennifer und meiner eigenen über alles geliebten Hündin Nasuc haben mich gelehrt, dass wir niemals die Entscheidung treffen können, welches Leben leben darf und welches nicht, ohne dieses Lebewesen persönlich kennen zu lernen.
Die Zeit hatte ich mehr als intensiv, 12 Stunden täglich, 7 Tage die Woche in den vergangenen 3 Wochen.

Phönix hat den Autounfall, die Amputation und die folgenden Operationen nicht nur überlebt.
Sie will leben!
In ihr steckt das Herz einer Löwin.
Die vergangenen 3 Wochen hat sie für mich in die Welt hinaus gebrüllt, dass sie jemand ist.
Dass sie ihren eigenen Dickkopf hat, einen starken Willen und jede Menge Mut, sich durch alle Schwierigkeiten zu kämpfen.
Wer wären wir gewesen, dieses kostbare Lebewesen seines Lebens vorzeitig zu berauben?
Sie hat ein Recht auf ihre Freiheit und soll dafür jede Unterstützung bekommen, die sie braucht.
Zum ersten Mal läuft sie hier frei:
https://www.facebook.com/thisis.noart/videos/vb.1018747263/10208016209335908/?type=3&theater

Dieser Artikel plädiert für mehr Wertschätzung eines jeden einzelnen Schicksals.
Niemand kann ein Urteil fällen, ohne das betroffene Individuum zu kennen.
Zu schnell sitzen wir vor unseren Bildschirmen und glauben, es besser zu wissen.
Wir sind der Meinung darüber richten zu können, wer leben darf und wer eben nicht.
Doch das sollte denen überlassen werden, die bei diesen Tieren sind. Die ihre Augen sehen.
Niemals sollte über das Leben eines anderen entschieden werden, ohne ihn zu kennen.
Egal, ob Mensch oder Tier.
Die Dunkelheit siegen zu lassen, sollte immer die allerletzte Option sein.
Zuvor sollte man gründlich gemeinsam mit dem Tier abschätzen, ob es nicht noch Licht am Ende des Tunnels gibt, das Leben verspricht.
Denn auch Tiere mit Besonderheiten lieben ihr Leben.

Phönix lebt derzeit also mit uns auf Pflege in Brandenburg.
Sie sucht noch ihr Für-immer-Zuhause.
Sie ist inkontinent und fährt Rolli.
Bellt gern und macht gern Quatsch.
Sie braucht Beschäftigung und Auslastung.
Typisch Malinois - den wir in ihr vermuten.
Sie ist eine Kuschlerin und ohne Teddy geht sie nicht ins Bett.
Wer sich ernsthaft in sie verliebt und sich sicher ist, dass er ihr ein Leben in Würde und Freiheit bieten kann, darf sich gern bei uns melden.
Danke!

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