Das Phönix

Phönix. So wurde sie genannt. Berechtigt. Phönix aus der Mythologie, ein mythischer Vogel, der aus seiner Asche immer wiedergeboren wird.

 

Also diese Phönix ist ein komischer Vogel. Aufstehen kann sie auch. Wieder und wieder.

 

Die internen Namen reichen von Phönhilde über Phönie und Phönator. Je nachdem was der komische Vogel grad schonwieder für Blödsinn im Kopf hatte.

 

Bitte versteht mich nicht falsch. Sie ist wundervoll. Nur eine Nervensäge. Ohne Ausschalter. Mit dem Durchhaltevermögen eines Phönix.

 

Vielleicht habt ihr die Geschichte verfolgt. Autocrash. Straßengraben. OP's, Halter, die sie nicht mehr wollen. Ausfuhr aus Rumänien bis zu uns auf Pflegestelle. Wir kämpfen gegen durchgeweichte Hundebetten, Durchfall, Pankreatitis, Giardien, offene Wunden, Windeldermatitis und einen schrottigen Rolli den es gratis dazu gab. Sie gedeiht. Nimmt zu. An Kraft, an Lebensmut, an Freude. Sie fährt Rolli wie ein Profi-Rennfahrer und es geht ihr sichtlich besser. Soweit der romantische Teil.

 

Die Bilder der glücklichen Momente bewegen viele Herzen. Unsere auch. Die Kommentare in den sozialen Medien sind freundlich, begeistert und dankend. Soweit so gut. Bei Sätzen wie; "Ich bin verliebt!" Möchte ich am liebsten drunter schreiben; "Aber nicht verheiratet!"

 

Ich bin auch ein bisschen verliebt. In diesen Handwerker, Anfang 30, der umsichtig und gutaussehend meine Gartentore streicht. Seine Socken wasche ich trotzdem nicht.

 

Fern ab der bildhaften Romantik, kommt hier der Einblick in das reale Leben.

 

4.30 Uhr aufstehen. Na sagen wir 4.35 Uhr. Phönix aus ihrer Begrenzung herausheben und auf den Rasen tragen. Blase entleeren. Ball wegwerfen und ganz schnell nach oben laufen, um ihr Bett von den durchweichten Inkontinenz Unterlagen und Decken zu säubern. Während dies im Akkord geschieht, robbt Phönie zurück. Schnell noch einen Ball werfen. Zeit schinden. Auf dem feuchten und weichen Gras robbt sie kontrolliert und entleert den Rest der Blase sowie den ein oder anderen Köddel.

 

Das Bett ist mit frischen Unterlagen beklebt und versorgt und eine frische Decke liegt auf. Der Vorbereich ist mit Chlorix gewischt. Und wenn man dann ins Haus geht, um frisches Wischwasser zu holen, liegt sie schonwieder in ihrem frischen Bett. Nicht willens es zu verlassen. Die 3stufige Treppe steigt sie auch mit 2 Beinen hinauf und rutscht über die glasierten Fliesen der Terrasse in ihren Bereich. Richtig. Ihren Bereich. Die anderen Hunde werden angepault, wenn sie zu nah dran vorbei gehen.

 

Geschenkt. Meine 3 Schäfis wollen ihre Runde. Bekommen sie. Wir gehen ungekämmt und müde mit einem Hauch von Eau de Pipi an den Klamotten durch das Dorf. Am Feldrand entlang und gucken den Sonnenaufgang an. Der Zeitungsmann steigt vom Rad und verabreicht allen 3en ihre LeckerlieRation, die ja absolut Pflicht ist.

 

Zurück. Ich füttere meine Hunde außerhalb von Phönies Sichtweite. Inzwischen ist es fast 6 Uhr. Möge die nächste Runde beginnen. Die Bewegung hat den Darm der zweibeinigen Hündin aktiviert. Sie hat Kot abgesetzt. Inzwischen in kleinen überschaubaren Dosen und nicht mehr flüssig und übelriechend. Gummihandschuhe an. Los geht's. Absammeln. Wegputzen. Nochmal wischen. Ganz die Poo Managerin.

 

Während der Vorbereich ihrer Ecke trocknet, nimmt Phönhilde ein Sitzbad in Tanolact. Nicht ganz freiwillig, wie sie freundlich aber bestimmt zu erkennen gibt. Hinwerfen. Pfoten ausstrecken und bloß nicht anheben lassen. Da kenn ich nix. Die inzwischen 23 kg werden direkt hochgehoben und mit dem nackten Hintern ins warme Wasser gesetzt. Ich setze mich neben sie und halte sie fest. Stillsitzen ist generell nicht so ihr Ding. Streicheln, schmusen. 10 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie steigt alleine aus der Schüssel und legt sich auf eine alte Decke aus der Nacht, die noch halbwegs trocken war. Dort muss sie noch 5 Minuten ausharren. Gewöhnlich schießt nochmal etwas Kacki nach. Und dann kommt das Babyfeuchttuch zum Einsatz. Gut. Du darfst zurück auf Deinen Thron.

 

Inzwischen ist es halb 7. Ich füttere ihr Spezialfutter mit Zusätzen und einer DiaTab. Während sie frisst creme ich ihr die Wunden ein und versorge die Baustellen mit Salbe und Co. Findet sie doof. Nützt aber nix.

 

Ich trage die Wäsche der Nacht in den Keller und räume die letzte Waschmaschine aus, die in

der Nacht lief. Aufhängen. Neue Maschine füllen, anstellen. Jetzt ziehe ich die

Handschuhe aus. Ich gehe ins Bad und wasche mich. Ich tausche das Eau de Pipi

gegen Addict von Dior. Die dreckigen Jogginghosen und Gummi Flipflops gegen

Hochhackige.

 

Oh noch 5 Minuten. Jetzt aber los. Hunde einsperren. Schafe aus ihrem Gehege in den aktuellen Futterbereich locken. Türen zu. Nochmal alle Transfertüren checken und dran rütteln. Hunde wieder rauslassen. Jetzt aber. 5 Minuten drüber. Kein Kaffee gehabt. Kein Frühstück. Vorbei am Terrassentisch, der bis oben hin voll ist mit Phönie Zubehör. Stapel von Inkontinenzunterlagen, Windeln, Decken, Handtüchern, Cremes und Feuchttüchern. Schön ist auch anders.

 

Ich bin raus. Für 12 Stunden. 1,5 Stunden zum Job. 9 Stunden im Büro und 1,5 Stunden zurück. Unsere

Freundin vor Ort übernimmt. Gott sei Dank. Allein kannst Du sie nicht lassen.

 

9 Uhr der nächste Unterlagenwechsel. Je nach Wetter wird sie nach vorn geholt. Dort hat sie ein zweites Lager. Wir haben es umzäunt. Nicht ohne Grund. Houdinis kleine Schwester pöbelt gern mal rum und springt aus der Umzäunung, um sich beim nicht autorisierten Robben die Wunden aufzuschubbern.

 

Sie ist bellfreudig. Ein beherztes und robustes „Halt die Backen Phönie!“ schallt über das Gelände. Sie lernt. Langsam aber stetig. Der Rolli wird angeschnallt. Sie bekommt eine Extra Runde. Noch mehr Hintern säubern. Noch mehr Wäsche waschen.

 

Wenn ich zurück bin, müssen meine 3 Knaller vor die Tür. Inzwischen nehme ich sie im Rolli mit auf Tour. Wir haben dasselbe Spiel vom Morgen noch einmal.

 

Zurück. Meine Hunde füttern. Phönie versorgen. Sitzbad. Hundebett. 22 Uhr. Vielleicht auch 22.30. Ich dusche und lege Klamotten für den nächsten Tag heraus. Heute war nix romantisch. Vielleicht der Sonnenaufgang. Den Sonnenuntergang hab ich verpasst.

 

Ich gehe an den Rechner und arbeite die Mails ab. Gleich Mitternacht.

Ich muss dringend schlafen. Kurz vor 4.30 Uhr ist Hanga zur Stelle und erinnert

den Wecker, dass er gleich klingelt. Ich lese wie verliebt die Menschen in diese tollen Hundeaugen sind. Ja. Schön leicht, so vor dem Rechner.

 

Weshalb schreibe ich das? Nicht als Klage. Das Schicksal mit diesem Pflegehund ist selbst gewählt. Allein, ich hab den Aufwand unterschätzt. Phönix ist eine großartige Hündin. Ein Dickkopf sondergleichen. Gerade läufig. Sie stellt Autoritäten gern in Frage. Nicht unfreundlich. Aber unbequem.

 

Mit anderen Hunden ist sie verträglich. Phönix muss aber geführt werden. Sie ist kein Hund, der nebenbei mitläuft. Den Text hier schreibe ich im Büro. Immer mal wieder Absatz für Absatz. Die Zeit würde sonst nicht reichen und es steht außer Frage, dass diese Zeitspanne von der Zeit mit den Hunden abgezogen wird.

 

Ich bin der robuste, nüchterne Typ Mensch. Verliebtheit hat schon in Jugendzeiten Kopfschütteln bei mir ausgelöst. Es gibt etwas weit wertvolleres als Schwärmerei. Diese Momente, wo mir der Hund sein Vertrauen und seine Liebe schenkt. Ganz aufrichtig. Ohne Falschheit. Die stillen Momente. Tiefe Liebe. Wenn Dir morgens der Kopf auf dem Schenkel abgelegt wird und sie Dich dankbar und wissend ansehen. Dieser Blick, der sich bei Dir entschuldigt für all den Stress, den Aufwand und die Mühe. Der Blick der gleichzeitig soviel Dankbarkeit zeigen kann, wie es Menschen unmöglich ist.

 

Ich bin dankbar für die 2 Damen, die helfen. Die das Leben genauso wertschätzen und sie nicht in ihren Pipi liegen lassen. Es bleibt harte Arbeit.

 

Der Aufwand wird weniger. Wir spielen uns ein. Sie kann länger Pipi halten. Feste Futterzeiten und fester Stuhl ermöglichen Planung. Ich werde dennoch sehr dankbar sein, wenn Phönix ihr Für Immer Zuhause gefunden und bezogen hat. Aber eins ist sicher. Nur wenn die neuen Eltern dies alles wissen und trotzdem ein eindeutiges Ja zu Phönix finden, egal wie unromantisch es an manchen Tagen sein wird. Nur dann lasse ich sie ziehen. Niemand, der genervt von Einschläfern redet. Niemand, der nach 6 Wochen feststellt, dass der Hund sofort wieder weg muss, weil es mehr Arbeit ist, als gedacht und weil Phönix einmal herzlich bellt. Nur jemand, der bereit ist sie zu pflegen. Sie zu erziehen und mit ihr zusammenzuwachsen.

 

Dieser Hund braucht eine Aufgabe! Auch mit 2 Beinen hält sie Schafe in Schach. Sie kann sehr genau sagen, was sie will und was eben nicht. Sie wird nicht den ganzen Tag teilnahmslos in der Ecke liegen. Sie möchte ernst genommen werden. Und wir wollen das auch. Diese kleine Nervensäge hat die beste Versorgung verdient.

 

Phönix kann nicht Danke sagen. Nicht zuletzt weil sie immer was zwischen den Backen hat. Bälle, Teddys, Rinderohren. Was halt grad so im Angebot ist. Das Danke kommt wenn Du während der Säuberung ihres Liegeplatzes aus dem Augenwinkel siehst, wie sie sich glücklich im Gras wälzt. Satt, bewegt,

zufrieden. Phönix ist treu. Ein Treuhund. Wir geben Sie nur in TreuHAND!

 

Danke für allen materiellen Support. Danke für Zuspruch. Ich schreibe dafür nicht mail an mail. Das bringe ich Phönie bei. Die sucht ja noch eine Aufgabe. Weiß nicht wie lange es dauern wird, bis sie es kann....

 

 

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