Abschied nehmen

 

Es ist soweit. Jemand bekommt Dein Bett. Ein junger Schäferhund. Nach Sturz aus großer Höhe gelähmt. Nun sind 456 Tage vergangen seid Du die Abkürzung in den Himmel genommen hast. Ich freue mich, dass Dein Bett einem anderen Hund hilft. Die Tränen kullern, weil es bedeutet, dass nun auch das letzte Stück von Dir weiterzieht. Dein Thron. Dein Rückzugsort. Deine Spielzeugsammelkuhle.

 

Deine Ankunft war eine spontane Entscheidung. Nur für kurze Zeit. Weil ich sowas in unserem Alltag gar nicht abbilden kann. Auf keinen Fall für immer. Nur mit Hilfe. Hilfe war da. Die ersten Wochen haben wir uns Deine Pflege geteilt. Ich habe auf einer Matratze am Boden geschlafen, um 4 Uhr nachts Dein Lager sauber zu machen. Dein Sitzbad durchzuführen. Deine Wunden zu cremen. Die Terrasse zu schrubben. Wenig später hat die Tagschicht übernommen. Ständig Wischen. Unterlagen wechseln. Wunden versorgen. Nach 10 Stunden unterwegs kam ich nachhause und habe bis spät Dein Lager gesäubert. Die Unterlagen gewechselt, Dein Sitzbad durchgezogen und Deine Wunden versorgt. Deine offenen Wunden, dein entzündeter Hinterleib, dein schwacher Körper brauchte Stärkung. Die Waschmaschine lief ständig. Von allem war zu wenig da.

 

Drei Monate später hattest Du zugenommen, die Wundheilung schritt voran, Deine Rolli Exkurse waren erfolgreich und Du warst ein Rolli Rowdy. Mit Links überholen, ohne blinken und mit anrempeln. Immer vorn. Selbstbewusst. Völlig unbeirrt der Tatsache, dass Dir 2 Beine fehlten und Du eigentlich gelähmt warst. Schwimmen war Dein Ding. Kein Stock zu groß. Dein Lieblingsstock hast Du mit in die Ewigkeit genommen. Die Lähmung verschwand und die Tatsache, dass zu früh zuviel amputiert worden ist, war deutlich sichtbar. Die kleinen Stummel wackelten wie ein Entenbürzel bei jedem Schwimmzug mit. Ich hab jeden Tag gebetet, das neue Beine vom Himmel kommen.

 

Zeit für ein neues Zuhause. Tolle Angebote. Herzliche Anfragen. Keins war gut genug. Keiner hat geahnt wieviel Arbeit Du machst. Und keiner konnte Dir die Freiheit bieten, die Du so geliebt hast. Ständig war man am suchen wo Du jetzt wohl wieder bist. Schafe anschreien. Schuhe verschleppen. Leckerlies klauen. Rotzfrech. So souverän. Und die einzige Hündin, die Hanga je die Stirn bieten konnte.

 

Du warst in der Bild. In der BZ. Im Fernsehen. Ein kleiner Popstar unter den vom Schicksal Geschlagenen. Allen hast Du Mut gemacht mit Deiner unbändigen Liebe zum Leben. Wir sind am Krankenhaus vorbeigelaufen und sie haben Dir gewunken. Die ohne Arme und Beine. Die mit den Gebrechen. Jeder konnte sehen, dass Dein Schicksal Dich nicht besiegt hat. Du kleines silbergraues Wunder auf 2 Pfoten. Monate ohne Antibiotika und ein Infekt schlich sich ein. Wir waren sofort in der Klink. Dein behandelnder Arzt nicht da. Die Vertretung mies. Jeden Tag haben wir angerufen. Nach 3 Tagen waren wir in einer anderen Praxis und haben geröntgt und Blutwerte genommen. Anderes Antibiotika. Ich habe alles stehen und liegen lassen und bin von Klinik zu Klinik mit Dir. 300 EUR Vorkasse. Klar. Und doch wollte Dich niemand behandeln. Euthanasie. Nicht wert zu leben und so schlechte Werte. Im Wartezimmer mit Untertemperatur und als Notfall gefühlte Ewigkeiten gewartet. Mir blieb nichts als Dich zuhause an den Tropf zu hängen und die Behandlung selbst vorzunehmen. Soviel wertvolle Zeit verstrichen, die so wichtig gewesen wäre. Multiresistente Keime. 6 OP`s im Jahr davor und ständige Antibiose waren zuviel. Nichts schlug an. Du wurdest schwächer und warst trotzdem noch frech und wolltest nicht liegen bleiben. Ich hab Dich aus der Hand gefüttert. Und als ich den ersten Tag wieder arbeiten war, weil ich dachte Du bist auf einem guten Weg, kam der Anruf. Bitte nachhause kommen. Kein Wort mehr. Es reichte, um zu wissen was passiert.

 

Ich bin sofort losgefahren. Zu schnell. Geblitzt. Egal. Weinend. Da lagst Du. In Deiner Schale. Friedlich. Die Kraft gewichen. Der Sturkopf weg. Du warst nicht alleine. Hundesitterin, Bürofutterdame und Pflegemama waren da. Ein letztes Aufbäumen bevor Du gegangen bist. Mit nur 6 Jahren. Das blühende Leben innerhalb von 5 Tagen gewichen. Ich habe es nicht kommen sehen.

 

Tage später träume ich von Dir. Du sitzt auf den Flügel eines Flugzeugs. Mit wuscheliger Rute und 4 Beinen. Darunter Deine 3 Geschwister. Sie bleiben am Boden. Du hebst ab. Wir sehen uns wieder. Wo die Zeit endet, beginnt die Ewigkeit.

 

Dein Rolli geht an Mimi, die ihn weitergibt an einen Collie. Dein Zubehör verteilt sich hier und da. Im Tierheim. Auf dem Transport in alle Lande. Nur Dein Bett bleibt. Nun wird es abgeholt. Man sollte meinen nach so langer Zeit ist man drüber weg. Kein Stück. Im Zug nachhause kullern leise die Tränen während die Landschaft vorbei fliegt. Einfach weil Du des Lebens und wir Deines Lebensmutes beraubt sind. Da wäre noch soviel zu erleben gewesen. Ich habe Dir versprochen, dass Dein Tod nicht vergebens war. Im Hintergrund läuft das Phönhilde Projekt. Eine Stiftung ist gegründet. Das Projekt ist groß. Sehr groß. Eigentlich zu groß. Aber hey Du warst auch ein bisschen größenwahnsinnig. 2 Konzerne prüfen das Konzept und helfen bei der Berechnung und Bemessung. Leise. Denn noch muss es geheim bleiben. Zuviele Geier kreisen überall. Wir lassen uns nicht nochmal berauben.

 

Lange habe ich ein Video vorbereitet. Allein die Worte fehlten. Kein Blogeintrag auf der Webseite. Weil keine Worte sagen konnten, was da an Trauerarbeit zu erledigen war und ist. Dabei ist soviel passiert. Wir werden berichten. Aber das gehört Dir. Es bleibt Dankbarkeit für die kurze aber sehr intensive Zeit. Liebe Phönie. Wir sehen uns wieder. Stell nix an bis dahin!

 

2. Korintherbrief, Kapitel 1, Vers 4 ---- Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. Darum kann ich auch anderen Mut machen, die Ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat.